Ende Juli gab ich im Rahmen des Ferienprogramms wieder einen Kreativ-Workshop für Kinder. Dieses Mal in der Stadtbibliothek Neuss. Einen sehr ähnlichen Workshop mit dem Thema “Neues aus alten Büchern” hatte ich vor längerer Zeit bereits in der Stadtbibliothek Recklinghausen gegeben.

Damals wurden uns die Bücher von der Stadtbibliothek bereit gestellt, ich empfehle immer Hardcover Bücher für den Kreativ-Workshop. Dieses Mal hatte die Stadtbibliothek nicht genügend Bücher dieser Sorte übrig, auch kein Problem. Dachte ich jedenfalls, und ich bot an, entsprechende Bücher aus meinem Fundus mitzubringen.
Dass ein Buch für diese Art der Gestaltung in meiner Vorstellung nur eine leere Leinwand ist, sollte sich später als etwas hmmm…sagen wir mal pikante Angelegenheit herausstellen, ich komme gleich noch darauf zurück.

Ich hatte natürlich wie immer einiges vorbereitet und jede Menge Material dabei. Wer mich kennt, weiß ja, dass „ein bisschen Material“ bei mir eher selten funktioniert ;-).
Papiere, Farben, Stempel, Sticker und alles mögliche andere lagen auf den Tischen und ich hatte natürlich auch aus einem alten Buch dieses Beispiel vorbereitet.


Kreativität braucht manchmal nur einen kleinen Anstoß
Schließlich brauchen die Kinder am Anfang vom Kreativ-Workshop meistens erst einmal eine Idee und ein bisschen Orientierung. Aber genau das ist ja immer nur der Anfang.
Denn was dann im Laufe des Workshops passierte, fand ich wieder einmal richtig schön zu beobachten.
Zu Beginn kamen natürlich die üblichen Fragen.
„Wie soll ich das machen?“
„Welche Farbe soll ich nehmen?“
„Ist das so richtig?“
Und natürlich: „Darf ich das auch anders machen?“
Ja!
Unbedingt sogar. Denn genau darum geht es doch.
Ich hatte einen Berg von Scrapbooking Papier mitgebracht. Dazu Distress Ink Stempelkissen, die sich super mit Wasser vermalen oder verwenden lassen.


Ich zeigte den zwölf Kindern – dieses Mal waren tatsächlich auch drei Jungen dabei – wie sie die Buchseiten mit den Stempelkissen und kleinen Wassersprühern gestalten können.
Und Achtung, jetzt komme ich zum weiter oben erwähnten pikanten Detail. Für das von mir vorbereitete Beispiel hatte ich aus meinen Flohmarktfunden ein Buch mit dem Titel “Ophelia lernt schwimmen” rausgefischt. Schöner schlichter weißer Leineneinband, der gut zu bearbeiten war. Ich dachte mir nichts beim Titel, den man ja sowieso später nicht mehr sieht. Erst NACH dem Gestalten der Seiten, als ich mein Beispiel für denKreativ-Workshop abends vorher in die Tasche packte, schaute ich auf den Text und OMG! Im Buch lernt Ophelia im übertragenen Sinn schwimmen, sprich sexuelle Befreiung. Tja, shit happens. Es hat auch niemand während des Kreativ-Workshops etwas gesagt, aber es war mir schon etwas peinlich.

Ich habe eine entsprechende Textpassage hier für den Blog mal etwas retuschiert. Was lernen wir daraus? Erst das Buch kurz durchblättern, ob es für ein Art Journal oder Foto-Scrapbook überhaupt geeignet ist, so vom Text her. In älteren Büchern so aus den Dreißigern sollte man auch darauf achten, denn da ist manchmal Literatur aus einer ziemlich dunklen Zeit dabei.
Auf ein paar Seiten hatte ich auch Fotos als Beispiele geklebt. Und dekorative Kreise aus Papier gestanzt und gestempelt.



Nach und nach wurden die zwölf Kinder immer mutiger. Die Beispiele waren irgendwann gar nicht mehr so wichtig, plötzlich entstanden eigene Ideen. Materialien wurden anders benutzt als von mir gedacht, Farben kombiniert, bei denen ich vielleicht kurz gezögert hätte, und aus einer kleinen Idee entwickelte sich ganz selbstverständlich die nächste.
Ich finde diesen Prozess immer wieder faszinierend.
Am Anfang wird noch vorsichtig geschaut, was die anderen machen. Und dann kommt irgendwann dieser Punkt, an dem die Kinder in ihrem eigenen kreativen Flow sind.

Dann wird geschnippelt und geklebt, gemalt und gestempelt, wieder etwas abgerissen, überklebt, neu ausprobiert. Einer hat eine Idee, der Nächste sieht das und macht daraus wieder etwas völlig anderes.
Wenn Kinder im Kreativ-Workshop einfach kreativ sein dürfen
Und irgendwann hört man dann nicht mehr so oft „Ist das richtig?“, sondern:
„Guck mal!“
Ich glaube, das ist einer meiner Lieblingssätze bei Workshops mit Kindern.
Denn dieses „Guck mal!“ bedeutet ja eigentlich: Schau, was ich gemacht habe. Schau, was mir eingefallen ist.
Und genau das finde ich so wichtig.
Wir Erwachsenen machen uns beim kreativen Arbeiten oft viel zu viele Gedanken. Passt das zusammen? Ist das schön genug? Kann man das so machen? Ist das überhaupt „richtig“?
Kinder können uns da einiges vormachen.
Was mir dabei wieder einmal aufgefallen ist: Kinder gehen an kreatives Arbeiten oft viel unbefangener heran als wir Erwachsenen – zumindest dann, wenn man ihnen den Raum dafür lässt.
Wir Erwachsenen denken schnell darüber nach, ob Farben zusammenpassen, ob etwas „schön“ aussieht oder ob wir irgendeine Technik richtig anwenden. Kinder können diese Regeln wunderbar ignorieren. Und genau dadurch entstehen oft die interessantesten Sachen.

Wenn man ihnen die Freiheit gibt und nicht ständig eingreift, entwickeln sie ganz selbstverständlich ihren eigenen Stil. Sie probieren einfach aus. Und wenn etwas nicht so aussieht wie geplant, wird eben etwas anderes daraus gemacht.
Eigentlich genau das, was ich auch beim Art Journaling und Mixed Media so liebe.
Es muss nicht perfekt sein. Es muss auch nicht aussehen wie die Vorlage. Im Gegenteil.


Natürlich brauchen Kinder manchmal einen kleinen Schubs. Eine Idee, eine Technik oder ein Material, mit dem sie anfangen können. Aber danach finde ich es wichtig, sie auch einfach machen zu lassen.
Und genau das konnte man an diesem heißen Tag (ja, das war während der Hitzewelle) beim Kreativ-Workshop in der Stadtbibliothek Neuss wunderbar sehen.
Obwohl alle mit ähnlichen Materialien und den gleichen Anregungen gestartet waren, sah am Ende kein Werk aus wie das andere.





Jedes war anders.
Und jedes hatte etwas von dem Kind, das es gemacht hatte.
Das ist für mich eigentlich das Schönste an solchen Workshops. Nicht nur die fertigen Sachen, die am Ende stolz mit nach Hause genommen werden. Sondern dieser Weg dahin.
Zu sehen, wie aus einem vorsichtigen „Was soll ich machen?“ irgendwann ein selbstbewusstes „Guck mal, was ich gemacht habe!“ wird. Zu sehen, wie aus anfänglichem Zögern immer mehr eigene Ideen entstanden. Wie die Kinder mutiger wurden und ihren eigenen Vorstellungen vertrauten. Und wie unterschiedlich am Ende die Ergebnisse waren, obwohl alle mit den gleichen Materialien und ähnlichen Anregungen gestartet waren.
Denn Kreativität bedeutet für mich nicht, etwas möglichst perfekt nachzumachen. Kreativität bedeutet, sich inspirieren zu lassen – und dann wenn man möchte sein eigenes Ding daraus zu machen. Oder auch nicht, wenn man einfach komplett abschalten, entspannen und nur eine schöne Vorlage kopieren möchte. Aber oft zeigt sich auch: Die spannendsten Ideen entstehen nicht unbedingt nach einer Vorlage.
Genau so versuche ich das in jedem Kreativ-Workshop zu vermitteln, egal, ob Kindern oder meinen erwachsenen Gästen.
Mich freut es immer sehr, wenn ich so auch neue, andere und jüngere Zielgruppen für das kreative Basteln mit alten Büchern, Papier und Farben begeistern kann.
Bitte schreibt mir gerne in die Kommentare, wenn euch das Thema auch interessiert oder ihr Fragen dazu habt.
Alles Liebe und noch einen schönen Sonntag

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