In meinem Art Journal habe ich in den letzten Tagen einige neue Seiten gefüllt. Einfach so nebenher, ohne große Motivation in den Hitzetagen, und ohne Konzept oder Absicht. Einfach spielerisch. Denn für mich gibt es kaum ein schöneres Gefühl, als ein leerer Tisch, nachdem ich irgend etwas gewerkelt habe. Ohne, dass übrig gebliebene Schnipsel in den Papierkorb gewandert sind. Und davon gab es einige, nachdem ich neue Stempel ausgepackt hatte und neues Wekzeug getestet hatte.
Poesie im Art Journal
Ich liebe Zitate und Gedichte, die meine Stimmungen in bestimmten Momenten gut ausdrücken. Besser als es meine eigenen Worte manchmal können. Ich hatte in einem anderen Blogbeitrag schon beschrieben, wie ich mein Art Journal auch als eine Art Therapie nutze.

Auf der linken Seite habe ich meine absoluten Lieblingszeilen des britischen Dichters Lord Alfred Tennyson verewigt.
Einen tiefergehenden Zugang zu Lyrik hatte ich nie. Und werde ihn wohl auch nie haben. Trotzdem gibt es immer wieder ein Gedicht, das mich berührt. Oder auch nur eine Gedichtzeile, die unter die Haut geht und im Kopf bleibt. Gehört bzw gesehen habe ich diese Zeilen zum ersten Mal vor Jahren im James Bond Film “Skyfall”.
Da gibt es eine Szene mit der wunderbaren Judi Dench als M., der Leiterin des britischen Geheimdiensts und Bonds Vorgesetzte. Sie steht vor einem Ausschuss und muss sich rechtfertigen. Auf der einen Seite die Bürokraten und überheblich wirkenden Politiker, auf der anderen Seite M., die über lange Jahre die ungeliebte Arbeit im Dunkeln für genau diese Bürokraten und Politiker gemacht hat. Es entbrennt ein heftiger Streit, Politik und Bürokratie sitzen dabei am längeren Hebel.
Dann zitiert Judi Dench, zu der Zeit 77 Jahre alt, ein Gedicht. Es ist ein Auszug aus »Ulysses« von Lord Alfred Tennyson. Eine Ode an das Älterwerden. Und ein überraschendes Lyrik-Erlebnis. Wunderschön, und so ausdrucksstark.
Tho‘ much is taken, much abides;
and though we are not now that strength
which in old days moved earth and heaven;
that which we are, we are;
one equal temper of heroic hearts,
made weak by time and fate,
but strong in will to strive, to seek, to find.
And not to yield.
Die deutsche Übersetzung:
Sind wir auch länger nicht die Kraft,
die Erd‘ und Himmel einst bewegte,
so sind wir dennoch was wir sind;
Helden mit Herzen von gleichem Schlag,
geschwächt von Zeit
und von dem Schicksal;
doch stark im Willen
zu ringen, zu suchen, zu finden.
Und nie zu weichen.

Ich habe die Worte mit meiner neusten Schreibmaschine, ein Flohmarktfund für 10 €, getippt. Die Buchstaben sind schnörkellos, ohne Serifen, das ist etwas Besonderes.
Basis für die Seite in meinem Dina Wakley Ledger Journal ist ein Schablonendruck. Vervollständigt habe ich sie mit einigen Stempelabdrücken, Schnipseln und alten Briefmarken.

Auf der gegenüberliegenden Seite habe ich die Verpackung meines Lieblings-Tees, den ich mir immer aus London mitbringe, untergebracht, ergänzt mit anderen Schnipseln, die auf meinem chaotischen Basteltisch rumlagen.

Als ich den genauen Text des Gedichtes von Tennyson im Netz noch einmal recherchierte, stieß ich auf weitere wunderbare Zeilen von ihm, die ich direkt getippt und auf der nächsten Seite im Art Journal untergebracht habe.

Ich fühlte mich in dem Moment einfach so. Obwohl ich ein sehr optimistischer Mensch bin, schaue ich manchmal zurück, bin traurig und weiß eigentlich nicht, warum. Der Herbst des Lebens?
Tears, idle tears, I know not what they mean,
Tears from the depth of some divine despair
Rise in the heart, and gather to the eyes,
In looking on the happy autumn-fields,
And thinking of the days that are no more.

Ich hatte auf der Seite auch eine neue blau metallic schimmernde
Schablonier-Paste* ausprobiert. Denn mein Art Journal ist auch eine Spielwiese zum Ausprobieren und Testen neuer Produkte oder Werkzeuge, die ich kaufe.
Ergänzt habe ich das Gedicht auf der Seite mit einem alten Foto meiner Mutter, die den Herbst ihres Lebens leider nicht mehr erlebt hat, denn es passte irgendwie zu diesen Worten.
Die Strukturpaste gefiel mir so gut, dass ich sie auf der gegenüber liegenden Seite gleich noch mal mit einer anderen Schablone verwendet habe.
Der Text auf dieser Seite ist ein zerschnibbelter Sticker aus der Kramkiste. Er ergänzt oder reflektiert die eher traurigen Zeilen auf der linken Seite. “Sei mutig, lebe im hier und jetzt”.
Vintage Paper Collage im Art Journal
Auf diesen beiden Seiten ist einfach nur eine Collage aus Schnipseln von alten Papieren. Ich bin auf Flohmärkten immer auf der Suche nach alten Dokumenten, Briefen, Fotos und anderen Zeitzeugen aus einer vergangenen Ära. Denen verhelfe ich so gerne zu neuem Leben. Zum Aufkleben der einzelnen Collage Elemente verwende ich einen
hochwertigen UHU-Klebestift*. Denn meine langjährige Erfahrung zeigt, dass die verführerisch günstigen Billig Klebestifte manchmal bereits nach kurzer Zeit entweder austrocknen oder die aufgeklebten Teilchen sich ablösen und einem alles entgegen kommt. Außerdem wellt sich das Papier öfter, da sie aus Kostengründen zum Strecken mehr Wasser enthalten.
Und rechts sind einfach nur zwei Stücke selbstgemachtes transparentes Washi Tape, das mal als Muster für einen Workshop entstanden ist. Mit Alcohol Ink auf der Gelli Plate, eine meiner liebsten Techniken!
Briefmarkenstanzer, klein, quadratisch und mit Relief
Briefmarken habe ich tatsächlich schon als Kind gesammelt. Und einige schöne Exemplare in Gießharz als Briefbeschwerer gegossen, das sind so verstaubte Erinnerungen.
Meine Vorliebe für die kleinen Papierschnipsel mit den gezackten Rändern habe ich neu entdeckt, nachdem ich vom Hype auf Instagram angesteckt wurde, kleine Motive aus Verpackungen auszustanzen. Der
Blogbeitrag zu diesem Thema wurde sehr oft angeklickt und in meinen Workshops habe ich auch Gäste mit dieser Idee angesteckt.
Neu in meinem Fundus ist deswegen ein Stanzer für etwas
größere quadratische Briefmarken*. Ich habe auf der linken Seite im Art Journal getestet, wie man damit Muster auf der Gelli Plate machen kann. Dazu habe ich aus Zeitschriften Quadrate ausgestanzt und mit der Magazin Transfer Technik gedruckt. Das Ergebnis gefällt mir so la la und da ist definitiv noch Potential für Verbesserung. Aber im Art Journal muss nichts perfekt sein, das ist ja das Schöne. Alles kann, nichts muss.
Oben auf der rechten Seite habe ich noch den Spruch von einer Karte verwendet, die einer Bestellung beilag. Ich kann eben kein Papier wegschmeissen, erst recht, wenn der Text mich anspricht.
Und noch ein anderer Briefmarken-Stanzer ist neu bei mir. Dieser
Präge-Stanzer* macht direkt beim Stanzen ein leicht erhabenes Muster in die ausgestanzte kleine Briefmarke.
Bedrucktes Transparentpapier im Art Journal
Ich mag den besonderen Effekt, den man mit Collagen von transparenten über gemusterten Papieren erreicht. Ein Hauch scheint durch, mal mehr, mal weniger. Zurzeit experimentiere ich viel damit, denn jedes transparente Papier ist anders. Es gibt von etwas dickerem Vellum bis zu hauchdünnem Seidenapier große Unterschiede, sowohl in der Verarbeitung wie auch in der Wirkung.
Für die Collage auf dieser Seite habe ich auf etwas
glänzendes dickeres Transparentpapier* gedruckt. Besonders gerne experimentiere ich mit dem Druck auf unterschiedlichen transparenten Papieren, seit ich meinen neuen
SW Laser-Drucker* habe. Denn im Vergleich zum herkömmlichen Inkjet-Drucker ist das gedruckte Motiv komplett wasserfest und lässt sich besonders gut für Mixed Media verwenden.
Ein wesentlich zarterer Effekt ergibt sich mit hauchdünnem
Decoupage-Seidenpapier*. Es lässt sich im Gegensatz zu etwas dickerem Transparentpapier oder Architektenpapier nicht so durch den Drucker jagen, sondern muss vorher mit Washi Tape auf normalem Drucker Papier befestigt werden.
Für den Hauch von Farbe habe ich ein paar Körnchen blaue Pigmentfarbe in den
Gel Medium Kleber* gestreut, bevor ich ihn mit dem Pinsel auf und unter dem Seidenpapier verteilt habe.
Sehr gerne färbe ich auch das Seidenpapier für Collagen komplett ein, wie zum Beispiel in diesem Art Journal mit Infusions.
Neue Stempel aus Singapur im Art Journal
In der vergangenen Woche kam wieder eine Bestellung von
Raw Market Shop bei mir an. Dieser kleine Shop aus Singapur macht die allerschönsten und ausgefallensten Stempel. Ab und zu gönne ich mir das. Die Besitzerin ist super nett und die Lieferungen sind immer so liebevoll verpackt. Ich schätze, wenn ich einmal ihren richtigen Laden besuchen würde, wäre ich danach komplett pleite, haha. Und deswegen ist die Verpackung, in diesem Fall Teile der braunen bestempelten Tüten, direkt mit in mein Art Journal gewandert, als ich die Stempel ausprobiert habe.
Ist dieser kleine Drahtkorb nicht total süß? Und sie hat Masking Tape mit phantastischen Motiven, hier welches mit kleinen Fotos, die wie Polaroids aussehen.
Und diese kleine gestempelte Einkaufstasche wie ein Jutebeutel! Zucker.
Die Stempel sind alle auf Holz montiert, so wie es früher eigentlich immer war. Deswegen sind die Abdrücke manchmal nicht so 100% perfekt zu positionieren, im Gegensatz zu Clear Stamps. Aber genau dieses handgemachte leicht unperfekte mag ich.
Denn es ist Handarbeit. Keine KI, kein digitaler Druck, jeder Abdruck ist ein Unikat. sozusagen ein individueller Handabdruck. Man darf es sehen, es hebt sich ab von der Masse und dem Einheitsbrei der neuerdings das Netz überschwemmenden in Canva und mit KI erstellten Bilder und Grafiken.
Und vielleicht ist genau das das Schönste am Art Journaling: Es gibt kein Richtig oder Falsch – nur Farben, Gedanken, Spuren des Lebens und die wunderbare Freiheit, einfach loszulassen und zu machen.
Alles Liebe
Barbara
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